Das Leben in Thailand erster Teil

Soweit überhaupt möglich ist es sicherlich kein leichtes Unterfangen, zu ergründen, zu beschreiben und auch zu verstehen, warum die Menschen einer anderen Kultur sich in gegebenen Situationen anders verhalten als wir - sind wir doch überzeugt davon, dass wir es richtig machen. Sicher? Das mag stimmen oder auch nicht - sicher ist aber eins: Unser Verhalten wird in der Regel von unseren Zielen bestimmt. Jede Kultur und jedes Individuum darin kann andere Ziele haben. So muss das, was für uns gut und richtig ist, für andere nicht ebenfalls das Beste sein. Zur Betrachtung der Lebensumstände gehört deshalb die Einbeziehung der Lebensphilosophie der jeweiligen Kultur. Die Lebenseinstellung der Thai unterscheidet sich in vielen Bereichen von der unseren. Teilweise auf dramatische Weise, was auch zu dem Begriff „Kulturschock”geführt hat, dem man in diesem Zusammenhang öfters begegnet.

 

Von Ex-Premierminister Kukrit Pramoj (PM vom 17.03.1975-12.01.1976) stammt folgendes Zitat: „Der Lebensstil der Thai ist geschmackvoll, verwöhnt von einer gütigen, schwelgenden Natur, geprägt von anpassungsfähigen moralischen Werten und einer heiteren Gelassenheit gegenüber den Problemen des Lebens… Für einen Thai besteht das Leben im Grunde in einer einzigen langen Entspannungsphase.”

 

Als Einführung in ein tieferes Verständnis der Lebensphilosophie der Thai eignet sich die Analyse dreier wichtiger Worte aus dem Thai-Wortschatz: sanuk, sabai und suay. Sie stehen kennzeichnend neben dem oft gehörten mai pen rai und dem Bild vom „Land des Lächelns” für ein leichtes, vergnügliches Leben im Diesseits, obwohl doch die buddhistische Prägung den Menschen sagt, dass alles Leben Leiden sei. Ein Widerspruch? Jedenfalls bemühen sich alle Thai – und scheinen damit Erfolg zu haben – das Leben in vollen Zügen zu genießen.

 

Weitere oft gehörte Begriffe, insbesondere die, in denen djai (Herz) vorkommt, können ebenfalls zur Vermittlung des Thai-Way-Of-Life herangezogen werden. Dennoch kann dieser Beitrag nur einen ersten Überblick geben. Feinste Nuancen im Verhalten der Thai werden sich uns, wenn überhaupt, erst nach längerem Aufenthalt im Land erschließen.

 

Der Begriff sabai steht für „angenehm”, „gemütlich” oder „bequem”. Das ganze Leben sollte sabai sein. Statt „Wie geht's?” fragt man ungefähr „Du fühlst dich doch wohl, oder?” (sabai dii rù). Die Antwort darauf ist dann wieder sabai dii „wohlfühlen-gut”.

 

Das Wort suay bedeutet „schön”. Thai sind hochentwickelte Ästheten. Beim Kauf eines Gegenstandes ist suay ein wichtiges Kriterium. Das rein Äußerliche ist oft viel wichtiger als der funktionale Nutzen (bei Gegenständen) oder die inneren Qualitäten (bei Menschen). Beispielsweise wird während den Nachrichtensendungen im Fernsehen gerne auf die äußerliche Erscheinung der Moderatoren geachtet, die vermittelten Informationen hingegen spielen dabei manchmal eine untergeordnete Rolle.

 

Sanuk bedeutet „Spaß haben”. Alles, was man tun kann, wird danach beurteilt, ob es Spaß bringt. Was nicht sanuk ist, unterlässt man, wann immer es geht. Manchmal muss man Dinge tun, die nicht sanuk sind - dann aber geht es um die Frage, wie man das Unvermeidliche mit etwas sanuk würzen und damit angenehmer machen kann.

 

Sanuk, Sabai und Suay

 

Diese drei Worte gehören zur thailändischen Lebensphilosophie

 

Thailand ist von der üppigen Natur von jeher über alle Maße verwöhnt worden. Fast wie im sprichwörtlichen Paradies war alles vorhanden, was man zum Leben brauchte, auch ohne viel dafür arbeiten zu müssen: Eine schier unfassbare Auswahl an Früchten, Gemüsen, Kräutern und Gewürzen wuchs überall und von allein, man brauchte sich nur bedienen. Fische waren am Meer und in den Flüssen derart reichlich vorhanden, dass man sie ohne große Anstrengungen mit den bloßen Händen fangen konnte. Richtige Arbeit machte eigentlich nur der Reis-Anbau, einmal beim Pflanzen der Setzlinge und ein weiteres Mal beim Einfahren der Ernte – mit jeweils großen Pausen zwischen den beiden relativ kurzen Arbeitsperioden.

 

Mehr musste man nicht tun! Was also lag näher, sich die Zeit mit angenehmeren Dingen zu verschönen? Spiel und Spaß mit Hahnenkämpfen oder Bootsrennen oder einfach nur Müßiggang waren Alternativen. Ohnehin anfällige Familienfeiern ließen sich beliebig ausdehnen. Oder mit anderen Leuten aus dem Dorf zusammen sitzen und „palavern” ohne sich gängeln zu lassen. Ersthafte Themen mussten nicht sein: wem sollten komplizierte wissenschaftliche oder philosophische Theorien nutzen, da man sich doch um die Zukunft keine Gedanken machen brauchte…

 

Das Leben ohne größere Anstrengungen ließ den Menschen außerdem den notwendigen Raum, sich den schönen Dingen zu widmen. Sie wurden zu Ästheten, denen das Anschauen schöner Dinge einer Steigerung des Wohlbefindens diente. So konnten sie künstlerische Anlagen entwickeln und talentierte Handwerker waren die, die schöne Dinge fertigten.

 

Vieles davon haben sich die Thai – zum Glück – bis heute bewahrt.

 

Woher kommt's?

 

Über die soziologischen und historischen Ursachen einer einzigartig unbeschwerten Lebensweise

 

Essen: Essen ist absolut sanuk. Je mehr Leute daran teilnehmen, desto mehr sanuk ist es. Thai denken permanent ans Essen und die kurzen Verdauungspausen zwischen den zahlreichen Mahlzeiten dienen zur weiteren Speiseplanung. Bei der aufregend delikaten Thai-Küche ist das aber auch kein Wunder.

 

Shopping: Sehr sanuk, besonders dem weiblichen Geschlecht. Solange Geld da ist (oder geborgt werden kann), kaufen Thai oft unbesonnen und spontan. Der Preis spielt dabei keine entscheidende Rolle. Man kauft, was man haben will, nicht immer von der Notwendigkeit geleitet. Der pure Akt des Kaufens an sich macht enorm Spaß, und spätere Reuegefühle über zuviel ausgegebenes Geld sind nahezu unbekannt.

 

Fernsehen: Sehr sanuk. Das Fernsehen gilt als die Unterhaltung schlechthin. In vielen Haushalten läuft der Fernseher von morgens bis abends, wobei es auf den Inhalt nicht unbedingt ankommt. Analysen des Programms oder kritische Auseinandersetzungen damit sind nicht üblich. Am liebsten mögen Thai endlose Seifenopern und Karatefilme mit den Helden Bruce Lee und Jackie Chan aus Hongkong. Dabei gibt es lehrreiche und durchaus interessante wissenschaftliche oder kulturelle Programme des staatlichen Senders Channel 11, sie werden jedoch von vielen abgelehnt, weil sie keinen sanuk bieten.

 

Reisen: Ist nur unter bestimmten Voraussetzungen sanuk. Thai reisen am liebsten in Gruppen oder im Familienkreis. Alleine reist man allenfalls, um Verwandte oder Freunde zu besuchen, dann ist nicht die Reise an sich sanuk sondern das Ziel. Selbstredend muss die Reise bequem sein und darf nicht zu abenteuerlich werden (die wenigsten Thai sind Abenteurer- oder Entdeckernaturen). Kaum ein Thai besucht seine Nachbarländer wie Laos, Kambodscha oder Burma (Myanmar), weil diese Länder in seinen Augen rückständig und somit nicht sehenswert sind. Ganz anders ist es, sofern es das Budget erlaubt, mit Europa, Australien oder Nordamerika, also Ländern mit hohem Lebensstandard. Auf jeden Fall aber fühlen sich Thai in Thailand am wohlsten. Thailand ist ohne Zweifel sabai-sabai.

 

Spazieren gehen: Nicht sanuk in einem Land, in dem selbst kürzeste Strecken mit dem Bus, Tuk-Tuk oder Taxi zurückgelegt werden. Wer läuft, erweckt den Eindruck, kein Geld zu haben oder zu geizig zu sein, um das bisschen Kleingeld auszugeben. Der gesundheitliche Nutzen körperlicher Betätigung durch Fortbewegen aus eigener Kraft ist den meisten Thai fremd, zumal das warme Klima nicht gerade die Motivation zu sportlichen Aktivitäten fördert. Zudem möchte sich kaum jemand freiwillig der Sonne aussetzen, um nicht eine dunklere Hautfarbe zu bekommen. Eine dunkle Hautfarbe ist verpönt, denn die haben die Bauern auf dem Lande, die sich täglich an der prallen Sonne abplagen müssen. Eine helle Hautfarbe dagegen hat in Thailand Statuswert. Interessanterweise entspricht das genau dem Gegenteil unserer Einstellung.

 

Lesen: Ist nur sanuk, wenn es nicht zu sehr überfordert. Der beliebteste Lesestoff sind Boulevardblätter und Comics, während Sachbücher nur für eine Minderheit interessant sind.

 

Tiefgründige Diskussionen: Gespräche mit ernstem Charakter sind generell nicht sanuk. Sie gibt es auch nur in Ländern, in denen die Sonne nicht so oft scheint, in denen es nicht so viel zu Essen gibt und überhaupt alles nicht so schön ist. Streitigkeiten und Kontroversen werden so gut wie möglich vermieden, damit der soziale Frieden erhalten bleibt. Das Kritisieren von Personen ist nicht üblich, und wenn es doch passiert, dann lässt es eher negative Rückschlüsse auf den Kritiker denn auf den Kritisierten zu. Lockere, freundliche und humorvolle Gespräche, wie z. B. die der Thaifrauen über ihre Ehemänner, fördern dagegen das allgemeine Wohlbehagen und sind demnach sanuk.

 

Was ist sanuk?

 

Bitte nicht zu wörtlich nehmen! Übertreibungen sind Akzentuierung und dienen nur der Veranschaulichung (und drücken gleichzeitig meine Bewunderung aus)

 

Trifft der Thai mit ihm fremden Personen zusammen, so versucht er als erstes, deren soziale Position und die damit verbundene Machtstellung auszuloten. Um dies schnell und zutreffend zu bewerkstelligen, damit bereits die angemessene Begrüßung davon abhängig gemacht werden kann, stehen ihm aus einer für die endgültige Positionierung bewährten Checkliste nur die ersten Punkte zur Verfügung: Äußere Erscheinung wie Kleidung und geschätztes Alter. Um das Bild zu verfeinern, kann er danach das Benehmen und die Art der Sprache ausloten. Wenn es gelingt, etwas über die Schulbildung, den Beruf, die Vermögensverhältnisse, seine Beziehungen und deren Reichweite, Gruppenzugehörigkeit, Familie, Verwandte und das Alter herauszufinden, so ermöglichen ihm diese Einzelheiten eine recht exakte Positionierung. Damit kann die soziale Interaktion reibungslos funktionieren, er weiß, nach welchem Verhaltensmuster er zu handeln hat.

 

Warum ist das so wichtig? Von klein auf lernen Thai-Kinder die zu ehren und zu respektieren, die in der Famile als kleinste soziale Einheit über ihnen stehen: selbstredend die Eltern und die Großeltern, deren Geschwister und die eigenen älteren Geschwister, generell alle älteren Menschen. Den gleichen Respekt erfahren sie von ihren jüngeren Geschwistern und anderen jüngeren Menschen, sofern nicht andere, den Rang beeinflussende Faktoren, dagegen sprechen. Daher ist die treffende Einschätzung des Alters von elementarer Bedeutung, hängt doch davon ab, wie man sich begrüßt und anredet. So können Niediggestellte oder Untergebene mit einem raueren Umganston angesprochen werden als Hochgestellte oder Vorgesetzte, denen mit angemessenen Respekt zu begegnen ist.

 

Wegen der tragenden Bedeutung der sozialen Position neigt der Thai dazu, sich bis an den Rand seiner finanziellen Möglichkeiten auffallend gepflegt zu kleiden, um ein besseres ranking zu bekommen als ihm eigentlich zusteht. Das funktioniert jedoch nicht immer, weil Thai sich nicht so einfach in die Irre leiten lassen. Ausländischen Besuchern fällt es jedoch in der Regel auf, möglicherweise halten sie Thailand deshalb für wohlhabender als es eigentlich ist.

 

Zu den hochgestellten Personen müssen auch die Reichen gezählt werden, egal, auf welche Weise sie ihr Geld verdient haben und aus welchen Schichten sie ursprünglich kommen. Reiche sind deshalb unantastbar, weil sie mit ihrem Geld über das Potential verfügen, sich Recht und Macht zu erkaufen.

 

Nicht ganz einfach ist es mit Ausländern – aber auch sie werden taxiert und eingeordnet. Generell gelten Touristen als reich, wie sonst könnten sie sich einen Urlaub in Thailand leisten. Aber, anders als Thai, die sich gerne besser kleiden, laufen diese Ausländer herum wie die letzten Heuler. Kein Thai würde es wagen, sich in diesem Outfit, sehen zu lassen: schlabbernde kurze Hosen, billige T-Shirts und Gummi-Sandalen, das ist in Thailand allenfalls die Kleidung der Aller-Ärmsten. Dazu kommt die undezent-freizügige Kleidung der Ausländer-Frauen und die herbe Ausdrucksweise ihrer Männer, die sie sich nur in den Go-Go-Bars Bangkoks angeeignet haben können. So reden nur Thai von zweifelhafter Herkunft, mit denen bessere Thai sich niemals abgeben würden. Nach der für Thai gültigen Checkliste ist der Tourist demnach nicht einzuordnen. Als Ausweg aus diesem Dilemma haben sie die Allzweck-Klassifizierung farang erfunden, die man immer wieder zu hören bekommt. Nicht, dass wir Ausländer mit dieser Einordnung Narrenfreiheit erlangen, aber dem farang sieht man kleinere Fehler eher nach.

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