Das Leben in Thailand dritter Teil

Namen und Anreden
 
Obwohl jeder Thai einen Vor- und einen Familiennamen hat, werden beide kaum gebraucht. Für den Thai ist die Familie, in welche er hineingeboren wurde, das Zentrum seines Lebens. Die jüngeren Geschwister werden umsorgt und verhätschelt, und mit den Eltern verbindet ihn ein unzerreißbares Band von Liebe, Respekt und Dankbarkeit. Im Gegensatz zu unseren westlichen Kulturen, in denen sich Erwachsene irgendwann einmal mehr oder weniger aus dem Nest ihrer Familie lösen, bleibt ein Thai der eigenen Familie in der Regel für immer verbunden. Erwachsene Thai, wenn sie heiraten und wiederum selbst eine eigenen Familie haben, wohnen sehr häufig in der Nähe der Eltern. Auf dem Lande ist es meist im gleichen Haus, als Großfamilie mit mehreren Generationen. Wenn das nicht geht, ist es oft das selbe Dorf oder in der Stadt der selbe Straßenzug. Auch wenn einzelne Familienmitglieder aus beruflichen Gründen weit weg von der Familie wohnen müssen, sind die Bande spürbar vorhanden und zeigen sich nicht nur durch die finanzielle Unterstützung der Eltern auch aus der Ferne.
 
Familienbande
 
Der Familie als kleinste homogene Einheit der Gesellschaft kommt eine zentrale Bedeutung zu. Thai neigen dazu, eine eigene Zeitrechnung für sich zu beanspruchen. Dabei bedeutet pünktlich zu sein, dass man erscheint, wenn alle anderen Dinge erledigt sind. Das kann durchaus mehr als eine Stunde über die vereinbarte Zeit hinaus bedeuten.
 
Bei wichtigen Verabredungen, z. B. weil der Zug zu einer bestimmten Zeit abfährt, sollte man deshalb besonders auf die erforderliche Pünktlichkeit hinweisen. Überraschenderweise begreifen sie einen Hinweis auf farang time tatsächlich, verstehen aber ansonsten nicht, warum wir so pingelig sind.
 
Das bedeutet keinesfalls, dass Thai nicht pünktlich sein können. Wenn es wichtig ist, zum Beispiel, rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, dann klappt es auch. Aber eine Verabredung wie „Treffen wir uns heute nachmittag um vier und machen dieses oder jenes” entbehrt jeder Dringlichkeit. Nichts, das man nicht auch noch um fünf machen könnte…
 
Eine mehr „seriöse” Quelle für Missverständnisse liegt in der traditionellen Zeitangabe in Thai. Der Tag ist in vier Zeitzonen eingeteilt, deren Stunden getrennt gezählt werden. Wenn wir uns für „morgen früh um fünf” verabreden, kann das auch als „fünfte Stunde am Morgen" verstanden werden: haa moong chaao allerdings entspricht 11 Uhr vormittags, weil 7 Uhr die erste Stunde des Morgens ist. Glücklicherweise wird die Zeit offiziell im 24-Stunden-System angegeben, so dass, auch wenn im Alltag wenig gebraucht, jedem dieses System bekannt ist.
 
Übrigens: Wenn wir uns einbilden, pünklich zu sein, dann geschieht es uns nur recht, wenn wir selbst einmal zu einer wichtigen Verabredung zu spät kommen, weil wir im Verkehr Bangkoks stecken geblieben sind. Nobody is perfect – mai pen rai!
 
Thai-Zeit
 
Zum besseren Auskommen hat man zusätzlich die „Farang-Zeit” eingeführt… Geld haben, reich sein, bedeutet hohes Ansehen mit einer entsprechend hohen sozialen Positionierung. Wer Geld hat, darf sich mehr erlauben. Deshalb ist es nicht verwerflich, seinen Reichtum zu zeigen. Viele Thai sind arm nach unseren Maßstäben. Wenn sie es dennoch beispielsweise zu einem Schmuckstück bringen, dann tragen sie es auch. Eine Goldkette oder einen Ring zu besitzen, ist ihnen sehr wichtig, damit sie etwas herzeigen können. Nur nebensächlich ist, dass so ein Schmuckstück auch das Potenzial zu einer Wertanlage hat, die im Fall des Falles wieder zu Geld gemacht werden könnte. Wenn mein Freund sagt, seine Mutter braucht Gold, dann denke ich zwar spontan, dass sie dieses und jenes braucht, nur kein Gold. Das nützt mir aber nichts. Sie braucht Gold. Sie bekommt Gold! Und alles andere bekommt sie auch – irgendwie.
 
Wir farang werden grundsätzlich als reich eingestuft. Deshalb ist nichts dabei, von uns Geld anzunehmen. Wir gelten als Geldautomaten auf Beinen, die man bei Bedarf jederzeit anzapfen darf. Das ist überhaupt nicht böse gemeint, weder von den Thai, noch von mir als Vorwurf an sie. Wozu ist denn Geld da, wenn nicht zum Ausgeben? Wir haben es ja, und wenn wir nicht so furchtbar geizig wären, würde es uns sanuk bereiten, es mit vollen Händen auszugeben und mit ihnen zu teilen. (Dass wir geizig sind, ist meine eigene Einschätzung, nicht die der Thai!)
 
Es ist schon eine verwunderliche Beziehung zwischen Thai und Geld. Es ist nicht immer Geld da für die täglichen Belange, aber da lässt sich improvisieren. Und wenn welches da ist, dann wird es auch ausgegeben. Kaufen bedeutet sanuk, und wenn das Geld ausgeht, dann wird wieder neues kommen – planen, woher, kann man noch später. Wird es eng, dann fragt ein Thai auch schon mal jemanden, ob er ihm was leiht. Aber Leihen ist in Thailand etwas anderes als bei uns: es besteht von vorne herein kaum die Absicht, das Geliehene zurück zu geben. Wird ein Thai um eine Anleihe gebeten, so gibt er, wenn er dazu in der Lage ist, obwohl er genau weiß, was es bedeutet (ich will damit klar stellen, dass es überhaupt keinen Unterschied macht, ob man sich von einem farang oder einem Thai etwas leiht). Das ist ihre Mentalität, und wenn dich jemand fragt, dann leihe ihm das Gewünschte, nur sei dir im Klaren darüber, dass du es verschenkst!
 
Jemandem ungefragt etwas weg zu nehmen, was man gerade braucht, zählt übrigens auch als Ausleihen mit der gleichen Konsequenz und gilt keinesfalls als Diebstahl. Solange der Geber nicht widerspricht oder das Ausleihen besonders erschwert (z. B. durch Wegschließen), denkt sich niemand etwas Böses dabei (höchstens – wieder einmal – wir farang).
 
Geld und Gold
 
Gold ist für Thai etwas ganz Besonderes. Aber es muss Thai-Gold sein. Die Reinheit für Thai-Gold ist vom Thai Ministry of Economic Affairs auf 96,5% festgesetzt worden, das entspricht 23 Karat. Gold von 14 oder 18 Karat wird von den Thai als minderwertig eingestuft und keiner möchte es haben. Kurioserweise wird sogar Gold von 24 Karat als weniger wertvoll angesehen, weil es mit dieser Reinheit kein Thai-Gold sein kann!
 
Thai haben ein starkes Nationalbewusstsein. Sie sind sehr verbunden mit ihrem Heimatland und pflegen einen tiefen Respekt für ihre Tradition. Glücklicherweise ist bei ihnen der Rechtsextremismus weitgehend unbekannt.
 
Auf den ausländischen Betrachter wirkt die thailändische Gesellschaft wie eine große Familie, in die aufgenommen zu werden, beinahe unmöglich erscheint. Zum Thai-Sein, so würden die Thai wohl sagen, muss man geboren sein. Die Schulen und der Staat fördern unübersehbar das Nationalbewusstsein. So treten Schulkinder morgens vor dem Unterricht zu einem Fahnenappell an und singen die Nationalhymne. Jeweils um 8 Uhr und um 18 Uhr wird die Nationalhymne landesweit über alle Radio- und Fernsehstationen ausgestrahlt. Die Passanten haben dann zu diesem Anlass zu pausieren, um der Hymne zu lauschen. In den Bahnhöfen erheben sich zu diesem Zeitpunkt blitzartig, wie von einer höheren Gewalt befohlen, alle Leute. In den Dörfern und kleineren Städten erstirbt in diesen Momenten oft jeglicher Verkehr. Beim Fernsehen werden zur Nationalhymne noch Bilder der Königsfamilie eingeblendet. Auch vor Kinoveranstaltungen wird die Hymne gespielt, welche ebenfalls mit Bildern der Monarchenfamilie unterlegt wird. Auch dort hat sich ein jeder zu erheben. Das alles schürt das Nationalbewusstsein, ohne dass dabei ein Gefühl der Peinlichkeit aufkommt.
 
Patriotismus
 
Der Stolz der Thai zeigt sich im festen Nationalbewusstsein. Die Beziehung der Thai zu ihrem Königshaus, insbesondere zum gegenwärtigen König Bhumibol Adulyadej, st sehr stark ausgeprägt. In den Augen seines Volkes hat dieser König alle Eigenschaften früherer Monarchen: Er ist gütig, er ist ein väterlicher Herrscher und er ist ein unnahbarer Gottkönig. Das Volk liebt ihn wegen seines unermüdlichen Einsatzes für sein Land und es respektiert und achtet ihn als die höchststehende Person des Landes, obwohl seine Einflüsse in der heutigen Politik eher gering sind.
 
Das Thaivolk duldet es nicht, wenn der König kritisiert oder ins Lächerliche gezogen wird. Ebenso erscheint er nirgends in den Medien als Karikatur.
 
Praktisch in jedem Thai-Haushalt, in Geschäften und Restaurants hängen hoch oben an der Wand Bilder des Königs und seiner Familie.
 
Loyalität zum König
 
Über 90% der Bewohner Thailands sind Buddhisten. Der Theravada-Buddhismus ist Staatsreligion, und er König ist ihr oberster Beschützer.
 
Der Buddhismus zeigt dem Menschen auf, dass alles Extreme schlecht ist und es besser ist, einem mittleren Weg zu folgen: nicht zu hart zu arbeiten und nicht zuviel Spaß zu haben. Viele der auf dieser Seite erläuterten besonderen Eigenschaften oder Einstellungen der Menschen sind auf ihre buddhistische Erziehung zurück zu führen.
 
Die meisten Thai mögen es nicht, wenn man den Buddhismus kritisiert oder gewisse Elemente davon in Frage stellt. Wie bei jeder Religion gibt es dort natürlich auch Angriffsflächen für Kritik, doch diese steht allenfalls hochgestellten Politikern oder den Mönchen selbst zu. Beispielsweise lehrte Buddha den Gläubigen, enthaltsam und ohne Begierde zu leben. Hingegen auf der Strasse und selbst bei Tempelbesuchen sieht man etliche Thai mit haufenweise Goldschmuck um den Hals und an den Händen, sowie mit teuren Markenkleidern und modernen Mobilfunk-Telefonen. Bei dieser stark auf Materialismus geprägten Gesellschaft gibt es andauernd Widersprüche zwischen Religion und dem weltlichen Leben. Der Materialismus wird zwar durch den Buddhismus in gewissen Grenzen gehalten, doch letzterer ist wie eine große Mauer, die allmählich zerbröckelt, besonders in den größeren Städten.
 
Tiefgründiges Wissen um den Buddhismus haben viele Thai ohnehin nicht. Sie sind eher am Diesseits orientiert und glauben nicht unbedingt an die Wiedergeburt, noch streben sie das Nirvana an. Dennoch werden Missgeschicke aller Art gerne damit erklärt, dass die Ursachen dafür in Fehlern in einem früheren Leben liegen. Nicht im Widerspruch zum Buddhismus ist der Glaube an Geister über alle Gesellschaftsschichten hinweg weit verbreitet und hat deutlich sichtbaren Einfluss auf die Menschen und ihr Verhalten. Ängste und Hoffnungen sind davon eher geprägt als vom Buddhismus.
 
Religion
 
Viele der spezifischen Thai-Eigenschaften werden auf ihre buddhistische Erziehung zurück geführt. Etwa 70% der Thailänder arbeiten in der Landwirtschaft, die übrigen in der Wirtschaft, von der etwa 90% in chinesischen Händen liegt. Viele der gehobenen Positionen sind mit Nachkommen chinesischer Einwanderer besetzt. Der relative Wohlstand ist hauptsächlich den fleißigen Chinesen zu verdanken, auch wenn manche Thai dies gerne bestreiten.
 
Viele Thai sind arm und verdienen nur einen Bruchteil dessen, was wir gewohnt sind. Ein Arbeiter in den Reisfeldern bekommt für einen harten 10-Stunden-Tag vielleicht 100-150 Baht entsprechend zwei- bis dreitausend Baht im Monat, also ca. 50 bis 80 Euro.Angestellte, beispielsweise im Hotel oder Verkäufer, verdienen zwischen drei- und sechstausend Baht, also ca. 80-160 Euro im Monat. Ein relativ angenehmes Leben in der Stadt ohne große Entbehrungen ist nach meiner Einschätzung ab ca. 15.000 Baht im Monat möglich. Beamte und andere besser Verdienende bleiben oft unter dieser Grenze und sind dennoch weitgehend zufrieden. Gehälter in Führungspositionen können allerdings um ein Vielfaches darüber liegen. Von 80.000 Baht aufwärts bis in den hohen sechsstelligen Bereich sind möglich, jedoch nur einem äußerst geringen Teil der Thai zugänglich.
 
Wenn schon arbeiten, dann lieber ohne große Verantwortung. Auch wenn es Ausnahmen gibt: Der typische Thai ist nicht sonderlich bestrebt, Führungspositionen einzunehmen; er fühlt sich im allgemeinen im einfachen Angestelltenverhältnis wohl. Er ist zwar meist ein guter und zuverlässiger Arbeiter, und einem Landarbeiter kann man keineswegs die fleißige Verrichtung auch harter Arbeit absprechen. Doch muss bei der Arbeit noch Freiraum für sanuk sein. Danach sollte auch während der Arbeitszeit die Möglichkeit bestehen, mit jemandem zu sprechen oder zu scherzen. Ist dies nicht möglich, verwelkt der Thai wie eine Topfblume, welche man zu gießen vergisst. Die Thai haben nicht die verbissene Konzentration und Ausdauer der Europäer oder Japaner. Alles geht spielerischer, lockerer zu. Dass dabei die Leistung leidet, liegt auf der Hand; auf der anderen Seite besteht ein weitaus gesünderes Arbeitsklima mit ausgeglichenen Angestellten.
 
Die Thai, die doch die Kariereleiter erklimmen, sind in der Regel sehr strebsam. Sie haben eine der besten Universitäten Thailands besucht oder im Ausland studiert und legen weiterhin Wert auf gute Weiterbildungs- und Trainingsmaßnahmen. Besonders die Ausbildung im Ausland bringt ihnen eine hohe Wertschätzung sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens ein.
 
Das im Thai-Leben essentielle Konzept von Rang und Status bestimmt auch das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Die Verpflichtung zu kreng djai verbietet es, Anordnungen von Vorgesetzten zu hinterfragen oder gar zu kritisieren. Während in westlichen Führungsstilen der Angestellte ermuntert wird, Verbesserungsvorschläge in der Hierarchie nach oben zu melden, wird der Thai Erkenntnisse, die er bei der Erledigung der ihm zugewiesenen Arbeit gewinnt, kaum zum Vorteil des Betriebes mit seinem Vorgesetzten besprechen. Da ist nichts, was er entdecken könnte, was sein Chef nicht ohnehin schon weiss – sonst wäre der nicht der Chef! Aber auch, wenn unerwartete Probleme auftauchen, die den Erfolg der Arbeit in Frage stellen, wird der Vorgesetzte nicht damit belastet. Kreng djai!
 
So erledigt der Thai die Arbeit, die man ihm zuweist. Eigene Initiative zu ergreifen, sei es privat oder geschäftlich, ist nicht unbedingt seine typische Eigenart. Auch das mag daher kommen, dass, wie weiter oben ausgeführt, früher in Thailand Gemüse, Früchte und weitere Nahrungsmittel wild wuchsen und man diese ohne großen Aufwand ernten konnte. In Europa hingegen musste man rechtzeitig die Felder bestellen und die Ernten einfahren, ansonsten verhungerte man.
 
Ein guter Manager muss in Thailand sehr umsichtig, sensibel und erfahren sein, um die Bedürfnisse seiner Arbeiter zu erkennen. Kaum werden sie offen sagen, was sie benötigen. Erhalten sie es nicht ohne aktives Einfordern oder stimmt das Arbeitsklima aus anderen Gründen nicht, so werden sie eher ihren Arbeitsplatz wechseln als sich beklagen.
 
Da eine direkte Kritik für ungenügende Arbeit, wie wir sie von unseren Vorgesetzten erwarten, in Thailand einem Gesichtsverlust des Kritisierten gleichkommt, scheidet sie als Mittel der Einflussnahme fast gänzlich aus. Allenfalls eine indirekte Form ist möglich, bei der lobenswerte Eigenschaften des Kritisierten besonders hervorgehoben werden sollten. Sogar auf Kosten betrieblicher Interessen wird der erfolgreiche Manager eher auf Kompromisse ausweichen als das Ego seines Mitarbeiters über Gebühr zu belasten. Einfühlsame und höfliche Führungs-Charaktere garantieren den Erfolg schon fast, da sie die Mitarbeiter hoch motivieren können. Die Loyalität gegenüber dem Vorgesetzten persönlich ist höher als die zur Firma/Organisation. Dieser beziehungsorientierte Führungsstil ist daher für Thai weit mehr geeignet als ein unpersönlicher und streng systemorientierter Ansatz. Dagegen sind direkte, aggressive Manager nach westlichem Stil selbst dann zum Scheitern verurteilt, wenn ihre fachlichen Qualitäten unumstritten sind.
 
Der Verdienst alleine ist kein Argument, wenn sich der Arbeiter nicht wohl fühlt, und dass jemand zu einem schlechter bezahlten Job wechselt, um bessere Bedingungen vorzufinden, ist manchmal die einzige Alternative. Und wenn der Vorgesetzte für das schlechte Betriebsklima verantwortlich ist, geht auch schon mal die ganze Mannschaft auf einmal. Wenn die Probleme im Betrieb selbst oder zumindest oberhalb der Stufe des Vorgesetzten angesiedelt sind, geht der mit der Mannschaft bzw. die Mannschaft mit ihm, weil die persönliche Loyalität zum direkten Vorgesetzten mehr wiegt als die zur Firma.
 
Arbeiten
 
Die Korruption ist in Thailand weit verbreitet. Trotz Bemühungen einiger Politiker lässt sich die Korruption nicht ausrotten. Sie erfasst beinahe jeden Lebensbereich und bildet eine Art zweites Gesetz. Nur durch sie können illegale Bordelle, Massagesalons und Bars im Lande existieren.
 
Die Genehmigungen für Haus- oder Hotelbauten werden manchmal auf illegalem Wege bezogen, was erst später, wenn die Gebäude schon stehen, auffällt. Nur auf dieser Weise konnten Hotelbauten an die Küste von Phuket erstellt werden, die gemäß den örtlichen Bauvorschriften viel zu hoch gebaut wurden und dadurch die Landschaft verschandeln. Ebenfalls wurden die Baugenehmigungen der meisten der großen Bungalow-Anlagen auf den idyllischen Phi-Phi-Inseln auf illegalem Wege bezogen, und zwar ohne Rücksicht auf die geschützte Landschaft.
 
Mafia-ähnliche Machtstrukturen, die zum Teil erheblichen Einfluss auf die lokale Politik ausüben, konnten sich entwickeln, indem die „Paten” mit guten Taten oder Geld eine Art „Konto” mit bunkhun (s.o.) bei der Bevölkerung anlegten und auffüllten. Auf deren Dankbarkeit katanyuu ist Verlass, auch wenn, sobald Macht und Interessen mit in's Spiel kommen, die ehemals psychologische Bindung abgeschwächt wird.
 
Selbst bei der einfachen Bevölkerung auf dem Lande kommt es häufig vor, dass bei Wahlen Stimmen verkauft werden, um damit einige Baht zu verdienen. Abgeordnete, die sich in das Parlament einkaufen, und Ministerposten, die das Gemeinwohl nicht an erster Stelle sehen, scheinen das in diesem Text dargestellte Bild der Rücksichtnahme der Thai auf die Mitmenschen zu konterkarieren. Wenn man aber bedenkt, dass eine Parteien- oder Cliquen-Orientierung, wie sie im Gegensatz zu unseren eher nach Rechts oder Links ausgerichteten Flügeln vorherrscht, auch wieder Interessengruppen verbindet, für die die Politiker Vorteile beschaffen wollen, dann kann man ihnen zumindest nicht ausschließlich das Wirtschaften in die eigene Tasche vorwerfen.
 
Korruption
 
Thai planen und reagieren oft sehr spontan und kurzentschlossen. Blitzschnell wird umdisponiert oder auf das vorhin Vereinbarte verzichtet. Langfristiges Planen wie in Europa ist nicht bei allen üblich. Zudem sind die Thai nun mal keine Forscher- oder Abenteurertypen, aber allgemein flexibel und situations-orientiert, pragmatisch. Das ist insofern verständlich, weil Anpassung notwendig ist, wenn eigene Interessen mit gegebenen Situationen kollidieren, um den sozialen Frieden zu bewahren. Die persönlichen Interessen mit der Situation abzugleichen ist wichtiger als die strikte Einhaltung von Prinzipien des Systems, auch wenn das bedeutet, Kompromisse einzugehen.
 
In Thailand ist es vielmals üblich, dass innerhalb einer Ehe der Mann bestimmt. In ihrem Sinnbild befindet sich der Mann in den zwei vorderen Füssen eines Elefanten, der steuert, und die Frau in den beiden hinteren Füssen, die den vorderen folgen. Ein Bild, das wahrscheinlich die Männer erfunden haben, weil es nicht berücksichtigt, dass die starken Hinterbeine des Elefanten durchaus mitbestimmen können, wo es lang geht. In der Realität hat die Frau zum Beispiel meist die Gewalt über die Familienfinanzen.